Spezialräder: Aus der Nische in den Massenmarkt
Ein Fahrrad rollt auf zwei 28 Zoll großen Reifen und verfügt über einen dreieckigen Rahmen mit hohem Rahmenrohr, der sogenannte Diamantrahmen – so die gängige Vorstellung. Doch Fahrräder sind viel mehr als das. Räder mit 20-Zoll-Reifen, Dreiräder, Tandems, Falträder, Cargobikes und, und, und. Einen Überblick über aktuelle Trends „abseits der Diamantrahmennorm“ bietet die Internationale Spezialradmesse Spezi in Lauchringen im Süden von Baden-Württemberg (26. bis 27. April 2025). Organisatoren der Messe sind die Schweizer Brüder Gabriel und Florian Wolf sowie der Deutsche Franz Furmaniak. Das Trio hat 2022 die Verantwortung über die Spezi übernommen und ihr in Lauchringen eine neue Heimat gegeben. „Die Vielfalt von Fahrrädern und fahrradähnlichen Fahrzeugen ist ein Mehrwert für die Menschen und deren individuelle Bedürfnisse. Die Spezi macht das jedes Jahr sichtbar. Für uns war es deshalb eine Herzensangelegenheit, die Messe weiterzuführen, nachdem Spezi-Gründer Hardy Siebecke den Staffelstab weitergeben wollte“, sagt Florian Wolf.
Platz für Fahrradinnovationen
Bis 2019 war die Spezi in Germersheim in Rheinland-Pfalz beheimatet, bevor eine dreijährige Coronapause eine Durchführung unmöglich machte. Der damalige Veranstalter wollte aufgrund von Unsicherheiten bei der Organisation die Messe nicht wieder aufleben lassen. „Für uns war sofort klar, dass wir die Messe weiterführen wollen – gerade weil sie Platz für Innovationen bietet, die bei größeren Fahrradmessen untergehen. Cargobikes, Falträder, aber auch E‑Bikes hatten bei der Spezi ihren ersten großen Auftritt. Aus diesen Nischenprodukten sind mittlerweile richtige Beststeller geworden, die den Fahrradmarkt prägen“, ergänzt Gabriel Wolf. Die beiden Brüder sind mit ihrer Liegeradfirma Wolf & Wolf selbst schon viele Jahre Spezi-Aussteller. Heute sagen sie: Die traditionellen Liegeräder sind sogar auf der Spezialradmesse Exoten. Andere Radtypen dominieren mittlerweile das Messebild und haben die Wahrnehmung und das Publikum verändert.
Vom Liegerad zur Mobilitätslösung
Das sieht man auch bei HP Velotechnik. Der Hersteller von Spezialrädern aus dem hessischen Kriftel hat in den drei Jahrzehnten seit der Gründung 1993 einen Wandel durchlebt. Vom einspurigen Liegerad für Globetrotter hin zum Anbieter für Mobilitätslösungen für alle Menschen. „Mit dem Aufkommen des E‑Motors um 2010 kamen auch unsere anderen Produkte immer mehr in den Fokus. Speziell die dreirädrigen Modelle sind aus der Nische herausgefahren. Unser Sport-Trike Scorpion als S‑Pedelec zum Beispiel fasziniert die Leute seit mehr als zehn Jahren“, erzählt Pressesprecher Alexander Kraft. Mittlerweile rollt der allergrößte Teil der verkauften Räder auf drei Reifen – und die Tendenz zum Dreirad nimmt zu. „Wir gehen damit auf Menschen zu, die sich auf einem klassischen Zweirad nicht oder nicht mehr sicher fühlen.“ Das könne ganz schlicht aus Altersgründen sein. „Viele suchen aber auch ein kippstabiles Fahrzeug, weil sie trotz Behinderung oder vielleicht einer neurologischen Erkrankung an der schönsten Form der Mobilität teilhaben wollen“, sagt Kraft. Entsprechend wurde das Angebot der Manufaktur um Handbikes und Sesseldreiräder erweitert. Wichtig dabei: Die Räder sind zwar Mobilitätshilfen, aber keine Fahrzeuge für Behinderte. Sie sind technisch auf dem neuesten Stand, ihr Design zielt auf funktionale Eleganz und spricht auch ein junges Publikum an.
Sicherheit und Lifestyle verbinden
Im Ausstellerverzeichnis der Messe sind über 30 Aussteller aus dem Dreiradbereich gelistet, insgesamt stellen fast 100 Firmen ihre Produkte vor. „Die hohe Ausstelleranzahl zeigt: Die Themen der Messe sind gefragt. Und das Schöne an unserer Messe: Die Produkte können ausgiebig getestet werden. So können sich die Menschen über die Unterschiede informieren und ihr passendes Fahrrad finden, von dem sie vielleicht noch gar nicht wussten, dass es überhaupt existiert“, sagt Gabriel Wolf. Doch nicht nur Fahrradhersteller, auch Zubehörproduzenten nutzen die Spezialradmesse, um ihre Produkte zu zeigen. Z. B. stellt der Berliner Accessoires-Hersteller Fahrer Berlin seine Produkte vor, die sich eigentlich an ein Lifestyle-orientiertes, urbanes Publikum richten. „Accessoires für Falt- und Lastenräder stehen bei uns im Fokus. Deshalb ist die Spezi genau richtig für uns: Wir sehen bei diesen Themen noch viel Potenzial im ländlichen Raum, z. B. für das Pendeln zur Arbeit, und wollen mit unseren Produkten praktische Lösungen für Alltagsmobilität anbieten“, sagt Geschäftsführer Philipp Elsner-Krause. Auch beim Lichtspezialisten Busch & Müller aus dem nordrhein-westfälischen Meinerzhagen ist der Spezi-Termin aus dem Kalender nicht mehr wegzudenken. „Das Publikum der Spezi steht unseren Neuheiten immer sehr aufgeschlossen gegenüber und ist bereit für Innovationen. Sei es Fernlicht, Blinker oder jetzt unser digitales Kurvenlicht – bevor sie auf den Massenmarkt kommen, sind diese Produkte oft zuerst an Spezialrädern verbaut. Das unterstreicht die Innovationsfreude der Besucher:innen und der Hersteller im Bereich Sicherheit“, sagt Sebastian Feßen-Fallsehr aus dem Marketing des Lichtspezialisten.
20 Zoll wird zum Trend
Die Anfänge der Spezi 1996 miterlebt hat Thomas Bernds. Er startete 1991 mit seinem eigenen Unternehmen und ist seit Messebeginn gerne Gast. Bernds baut individuelle Fahrräder wie Dreiräder, Falträder, Tandems und auch Cargobikes. Alle Modelle rollen dabei auf kompakten 20-Zoll-Reifen und sind faltbar. „Wenn jemand spezielle Bedürfnisse hat, ist er auf ein spezifisches Rad angewiesen. Er muss es dann auch mit auf Reisen oder zu Ausflügen nehmen. Egal, welches Rad von uns: Jedes Bernds passt leicht in den Kofferraum eines Autos“, sagt Bernds. Aber warum nur kleine Reifen mit 20 Zoll? „20-Zoll-Räder sind leichter, stabiler und kompakter. Somit können auch die Fahrradrahmen kompakter, leichter und stabiler werden – was für die Nutzer:innen nur Vorteile hat“, erklärt Bernds. Kompaktbikes mit 20-Zoll-Reifen sind eines der aktuellen Trendthemen im Fahrradbereich. Auch weitere Marken wie Yoonit oder Vello stellen in Lauchringen ihre Produkte mit den kleinen Reifen vor.
Start für Erfolg bei Spezi gelegt
Bernds erzählt weiter, dass er einer der ersten deutschen Hersteller war, der ein Lastenrad präsentierte. Sein Modell „Packbernds“ feierte auf der Spezi 2008 seine Premiere. „Und jetzt sehen wir ja auf den Straßen, wie sich das Segment entwickelt hat“, so Bernds. Laut Marktdaten des Zweirad-Industrie-Verbandes wurden 2024 über 200.000 Lastenräder in Deutschland verkauft. Rund 30 Aussteller aus dem Lastenradsegment, ob bekannt oder Newcomer, sind in Lauchringen zu finden. Die Spezi unterstreicht somit ihren Anspruch als Plattform, um sich frühzeitig über die kommenden Fahrradtrends zu informieren. So war der E‑Bike-Pionier Flyer mit den ersten Elektrorädern genauso zu Gast wie der E‑Bike-Premium-Hersteller Riese & Müller in den Anfängen der Firmengeschichte. Beides Firmen, die mit ihren Ideen und Rädern aus der Nische über die Jahre in den Massenmarkt rollten und dort reüssierten.
LEV als nächster Trend?
Und über das nächste große Ding wird bereits in Expert:innenkreisen gemunkelt: LEV! Ein Problem für Fahrradnutzende ist der fehlende Schutz vor Witterung und Wind. LEV, also Light Electric Vehicles, bieten dank ihres Verdecks einen besseren Schutz gegen die Elemente und machen das E‑Bike so zur Ganzjahrespendelmaschine. Die Modelle rollen auf zwei, drei und sogar vier Rädern, manche sogar mit Motorunterstützung bis 45 km/h. Obwohl sie schon seit längerem auf dem Markt sind, sind sie immer noch in einer Nische. „Das könnte sich aber bald ändern. Das Thema soll in den nächsten Jahren an Fahrt gewinnen“, meint Florian Wolf. Bis es so weit ist, kann man ein paar Räder in Lauchringen bestaunen und erste Übungsrunden drehen.